Die Niederlande sind ein prima Reiseland für Bus- oder WoMo-Reisen. Ich glaube, ich wurde in 8 Reisetagen kein einziges mal angehupt, zumindest nicht außerhalb Deutschlands. Die Menschen sind freundlich und entspannt und das sollte man annehmen: ein wenig Geduld hilft unterwegs, wenn man mal länger warten muss. Campingplätze gibt es in Hülle und Fülle, allerdings sind diese entlang der Küste zur Hauptsaison auch mal ausgebucht. Wer nicht reservieren mag, kommt trotzdem immer unter, und sei es ein paar Kilometer vom Strand entfernt.
Hector zwischen Meer und Binnenmeer (rechts)
Die Binnenmeere habe ich sträflich vernachlässigt, obwohl in der Gegend von Renesse die Campingplätze auf der inneren Deichseite deutlich einladender aussahen als die an der offenen Meerseite – was ich jedoch erst am nächsten Morgen gesehen habe. Literatur bildet und hilft, und zwar in folgenden Fällen:
niederlande von Barbara und Hans Otzen, erschienen bei Reise Know-How
Angenehm zu lesen, viele gute Hinweise und trotz Taschenbuchformat erstaunlich vollständig, was meine ortskundige Holland-Freundin bestätigt hat. Auf Zierikzee wäre ich ohne dieses Buch nie gekommen und auch sonst macht es viel Lust auf Entdeckungen.
Niederlande
von Reinhard Tiburzy, erschienen bei Dumont
Text und Umfang der sehenswerten Empfehlungen / abgedeckten Orte fand ich nicht überzeugend, sehr gut war jedoch die herausnehmbare Gesamtkarte der Niederlande.
ADAC Campingführer Europa Nord
Irgendein Nachschlagewerk dabei zu haben hilft, deshalb nehme ich ihn immer mit. In Sachen Bewertung sind wir unterschiedlicher Meinung: der ADAC findet parzellierte Stellplätze toll, ich nicht. Kinderfreundliche Planschbecken bringen Extrapunkte, mir sind eine lässige Athmosphäre und Naturnähe lieber als rechtwinklig angelegte Wege und Brötchenservice.
Internet, Mundpropaganda, Zufall:
Die schönsten Campingplätze fand ich anhand ihrer Lage und ein wenig Internet-Recherche, beispielweise den teuren, aber überzeugenden Platz bei Zandvoort.
Camping de Lakens, Zandvoort
Ich fahre noch mal hin, ganz bestimmt. Und dann sehe ich mir Haarlem an und den gesamten nördlichen Teil, also Nord-Holland, Texel, Flevoland, Friesland und was mir sonst noch so unter die Räder kommt. Dank der anti-alpinen Landschaft reicht das Klapprad für kleine und große Erkundungstouren locker aus, dank der Camping-Leidenschaft der Niederländer wird der nächste Stellplatz nie weit sein.
Wo war ich doch gleich?
Strandcamping Groede: http://www.strandcampinggroede.nl/
Etwas abseits vom Ort, dafür direkt hinter dem Strand und trotz intensiver Rasenpflege recht entspannt. Pro Nacht habe ich 28,20 EUR bezahlt (Hector, ich und die Kurtaxe).
Drumherum: Sowohl das Strandhaus „Puur“ ald auch die Kneipe hinter dem Deich sind Besuche wert, die Umgebung mit Leuchtturm, endlosen Deichwegen und Dünenlandschaft ebenfalls. Bilderbuch-Urlaub in Ausflugsweite (per Auto oder Bus) nach Brügge oder Gent.
Zierikzee: Winkelcafé (und Laden) „de zeeuwse hemel“ bietet eine sonnig-schattige Terrasse zum Melkmarkt und innen ebenfalls hübsches Ambiente. Lokale Snacks können sie richtig gut. Die Website ist spärlich, aber hier: http://www.dezeeuwsehemel.nl/
Camping Internazional Renesse: http://www.campingplatz-international.de/
Freundlich, direkt hinter dem Deich, nicht weiter aufregend, äußerst akkurat gemäht. Bezahlt habe ich rund 30 oder 32 Euro, jedoch die Quittung verbummelt.
Vakantiepark Koningshof Rijnsburg: http://www.koningshofholland.com/nl/
Zwischenübernachtung, mehr würde ich hier auch nicht empfehlen. Bezahlt habe ich 32,30 EUR pro Nacht.
Camping De Lakens, Zandvoort: https://www.campingdelakens.de/
Gleichzeitig elitär/teuer und lässig. Die zerwürfelte Dünenlandschaft gefällt mir sehr, für die nicht ganz so dicht stehenden Waschhäuser verkürzt das Fahrrad die Wege. Bezahlt habe ich 46,- EUR pro Nacht, das gilt dann jedoch für 1 bis 6 Personen (nur Kurtaxe wird pro Person zusätzlich erhoben).
Drumherum: Zandvoort selbst ist sicher kein Schmuckstück, aber der Strand mit seinen vielen verschiedenen Cafés / Bars / Restaurants / Clubs hat was. Für jeden Geschmack findet sich das Passende, an den Wochenenden ist in den Clubs ordentlich was los, weil viele aus Amsterdam oder Haarlem hier ausgehen. Das Naturschutzgebiet der Dünen ist von einigen Wegen durchzogen, die prima für Jogging- oder Wanderstrecken taugen.
Die Anreise von München bis Zandvoort, das ungefähr in der Mitte der Niederländischen Küste liegt, beträgt 850 km. Ist man erst mal dort, lassen sich im Umkreis von 250 km jede Menge Gegend, Inseln, Halbinseln, Städtchen und Strandabschnitte erkunden, wobei die landschaftliche Vielfalt nicht ganz mit Reiseländern wie Frankreich oder Italien mithalten kann. Die Entspannung schon.
Städte, Windmühlen und das Landesinnere sind sicher auch schön. Sobald man sich von der Küste losreißen kann…
Strand. Ewiger, öder, endloser Strand. Schon klar, alle finden es großartig, aber mir fehlt hier in Renesse etwas, das den näheren Umkreis interessant macht. Endloser Horizont nutzt sich in seinem Erlebniswert irgendwie ab, und so brechen Hector und ich auf.
Es ist Samstag, das Wetter heiß und phantastisch und je näher ich an Rotterdam und Amsterdam komme, umso abwechslungsreicher wird die Gegend. In Haarlem erklärt mir TomTom, dass die beste Verbindung mitten durch die Stadt geht, also gibt es auf Höhe des Ducato-Cockpits Sightseeing wie im Touri-Bus. Dummerweise muss ich nebenbei aufpassen, dass mir kein Fußgänger oder Radfahrer in die Quere kommt, gerade Radfahrer sind in Holland ja nicht so selten.
Obwohl die holländischen Ferien erst eine Woche her sind, ist an diesem Samstag am Strand von Zandvoort kein Fitzelchen Stellplatz mehr zu kriegen: sämtliche Campingplätze ersticken in Menschenmassen.
Eigentlich könnten Hector und ich jetzt wildcampen. Oder schauen, ob es nicht Parkplatzbereiche gibt, auf denen man eine Nacht legal stehen darf. Aber erstens habe ich kein Wasser im Tank, was zwischen Bad und Küche die Alltagsdinge erschwert, und zweitens bin ich vor Hitze und Wind zu platt, um so weit zu denken. Also suche ich im ADAC Campingführer nach Alternativen und werde in 25 km Entfernung fündig: In Rijnsburg zeigt die Karte einen Campingplatz mit See, zudem hat der Platz ein Hallen- und ein Freibad. Bei Ankunft zeigt sich, dass der See ein pfützengroßer Bio-Tümpel ist und die Schwimmbäder kindertobende Planschbecken sind. Der Platz selbst ist bestenfalls unspektakulär, aber dank des regen Flugverkehrs von Shiphol fühlt es sich zivilisationsnah an.
Die Enttäuschung lässt mich mit der Weinflasche liebäugeln, die seit Tagen im Bodenfach mitreist, aber dann überwiegt der Tatendrang: in nur 6 km Entfernung liegt der Strand von Nordwijk, das ist locker Klapprad-Entfernung!
Also Rad auseinander falten, Navi mitnehmen und los: vorbei an einem typisch-holländischen Wasserkanal, vorbei an erstaunlichen Sozialbauten und der Menschenmenge folgend bin ich 30 Minuten später in Nordwijk und genieße Sommerhitze mit Meerbad.
Nordwijk
Es gibt edlere Gegenden, möchte ich vermuten, aber ich fühle mich wohl hier und das Meer hat eine entspannende Wirkung auf mich. Besänftigt fahre ich zwei Stunden später zurück zum Campingplatz, ignoriere Hectors Küchenmöglichkeiten und genieße Pommes, Bier und WLAN am Camping-Kiosk.
Am nächsten Morgen freue ich mich, dass heute alle Wochenendgäste von Zandvoort abreisen und mein Navi mich durch eine schmale Alleenstraße zum bisher teuersten Campingplatz meines Lebens führt.
46,- EUR pro Nacht kosten die Plätze in der zusammengewürfelten Dünenlandschaft, inklusive Surfer-Feeling und jeder Menge Wind. Sturm, um genau zu sein.
Am Strand werde ich rundum gründlich paniert, aber das macht nichts: erstens kann ich aus dem Augenwinkel einen lässigen Surfertypen beobachten, und zweitens ist das hier ehrliches Nordseewetter.
Später schlendere ich zu der Reihe an Cafés, Restaurants und Clubs, die sich entlang der Dünen aufreihen. Manche sind hippie-chic, manche folkloristisch bunt und entspannt, manche machen einen auf edel und im schönsten davon, direkt neben dem Hauptzugang vom Riesenparkplatz, kann man herrlich windgeschützt sitzen, entspannen, essen, trinken, lesen und stundenlang aufs Meer schauen.
Am Abend tobt weiterhin so viel Sturm, dass der Bus wackelt und an draußen-Kochen nicht zu denken ist. Wie gut, dass es am Strand ein Asia-Sushi-Restaurant gibt, das zwar von außen hässlich und gewohnt teuer ist, aber dafür im Inneren mit gutem Service und hervorragendem Essen aufwartet.
Den Rückweg schaffe ich gerade noch rechtzeitig vor dem Einsetzen stürmischer Regenschauer und werde kurz darauf vom windgebeutelten Hector in den Schlaf geschaukelt.
…was vom Sommer übrig blieb
Am nächsten Tag hat der Wind nachgelassen und ich freue mich: durch die welligen Dünen kann man prima joggen gehen. Der Nationaalpark Zuid-Kennemerland ist eine willkommene Abwechslung nach der endlosen Strand-Einöde von Renesse.
Zuid-Kennemerland
Das immergleiche Flachland scheint nur noch blasse Erinnerung und außerdem kommt heute Linda! Seit wir uns vor vier Jahren in Thailand begegnet sind treffen wir uns jedes Jahr, und diesmal ist ihre Heimat dran. Als sie am frühen Nachmittag vor mir steht, ist die Freude groß. Nur Frauen können sich vermutlich so unbändig darüber amüsieren, dass sie ohne Absprache im identischen Look auftreten: verwaschene Jeans, Trägertop unter weißem Shirt und lässige Lederband-Kette. Wir kommen uns vor wie das doppelte Lottchen und beglückwünschen uns gegenseitig zu unserem guten Geschmack.
Die nächsten Stunden verbringen wir damit, den Strand entlang zu wandern und uns gegenseitig das letzte Jahr zu erzählen. Sobald ein Regenguss kommt, retten wir uns in eins der vielen Strandcafés und reden und essen und trinken und reden. So über-touristisch Zandvoort sein mag, so gut sind die unzähligen Restaurants und Cafés: sie bieten flächendeckend hervorragendes Essen und eine Vielfalt an stylishen Interiors, so dass wir die wilden Wetterwechsel zum Food-and-Drink-Hopping nutzen.
Am nächsten Tag endet meine Holland-Reise – zumindest für dieses Jahr. Während der Sturm die Surfer vor sich her treibt, unternehmen wir einen letzten Strandspaziergang.
Es ist Ende August und mitten in der Woche und vermutlich ist das die schönste Zeit hier: von Hippie-Flair bis schick, von asiatisch bis gutbürgerlich, von Dünen bis Meer bietet uns die Küste alles, was ein Holland-Urlaub bieten kann. Ich glaube, in einigen Jahren besorge ich mir ein Assimil-Sprachbuch und komme wieder!
Hector ist begeistert: heute wird er über das Wasser fahren und unter dem Meer durchtauchen. Nach dem Passieren von Terneuzen (Tunnel, 5,- Maut für 80 km weniger Umweg) und der Halbinsel Zeeland (Brücke, kostenfrei) erhebt sich der Blick auf offenes Meer zur Linken und Binnenmeer zur Rechten.
In Zierikzee, dem heutigen Etappenziel, lässt die Beschilderung der Parkplätze auf größeren Touristenandrang schließen, aber in diesem Ort kommt keine Hektik auf, egal wie wuselig es zugehen mag. Hector passt problemlos auf einen der zentralen Parkplätze und steht nur ganz wenig vorn und hinten über – das ist uns 1,- EUR pro Stunde wert. Zielstrebig erobere ich einen Tisch im Hinterhof von einem halb-Shop-halb-Café/Restaurant, wo ich im Halbschatten zwischen rankenden Pflanzen und rustikalen Sitzgelegenheiten Platz nehme.
Nachdem ich in fließendem holländisch ein Glas Munthtee bestelle, gebe ich mich einer entspannten, gleichwohl geduldigen Grundhaltung hin. Immerhin, nach 45 min. Wartezeit habe ich Speis und Trank und ein breites Lächeln im Gesicht: Die Krabbenkroketten mit Brot und Beilagen und die duftende Minze im Teeglas sind Genuss pur, so dass ich dem Versorgungszelt vom Camping Groede nur wenig hinterhertrauern muss.
Ich verlasse die kulinarische Entdeckung durch den dazugehörigen Laden, widerstehe dem totalen Kaufrausch und trete auf der anderen Seite in eine der typischen schmalen Gassen. Überall gibt es kleine Läden und liebevolle Details zu entdecken und wenn ich den Blick weiter in die Höhe schweifen lasse werde ich neugierig auf den Turm eines Glockenspiels, eine Windmühle und weitere Bauten. Überhaupt, die Glockenspiele: angenehm fürs Ohr, liebliche Melodien und nicht zu aufdringlich – man sollte mal jemanden von Münchens Rathaus-Verantwortlichen herschicken, damit die Bayern von den Holländern a bissl was lernen täten.
Wie üblich schlendere ich einfach drauf los, sauge die postkarten-kitschigen Sträßchen und Häuser in mich auf und stehe unvermittelt vor einem pseudo-klassizistischem Bau, der wie ein Ufo inmitten der übrigen Architektur thront und obendrein noch leicht schief ist. Es ist der neuere Teil der Kathedrale St. Lievenmonster, von der nur noch der mächtige Turm steht, während der übrige Teil 1832 abbrannte und mit der seltsamen Scheußlichkeit eines Säulentempels wieder aufgebaut wurde.
Drumherum gibt es moderne Kunstinstallationen und Sitzgelegenheiten aus Euro-Paletten, allerdings springt der Funke nicht recht über. Die Website des Städtchens verspricht interessante Kultur-Events von Independent bis klassisch, aber mich zieht es stattdessen in die übrigen Straßen, an modernen Geschäften in alten Häusern vorbei und hin zu einem großen freien Platz. Einige Restaurants und Cafés bespielen die Seiten und einen Teil der mittleren Fläche, ein großer Teil jedoch ist frei. Oder wäre es, wenn nicht etliche gesponsorten Aufbauten eines Sport-Events den Blick verstellen würden.
Weiter gen Osten geht der Platz in eine beschauliche Allee über, die auf beiden Seiten von herausgeputzten Kaufmannshäusern gesäumt ist. In einem der Gebäude befindet sich eine Buchhaltungsfirma. Idee für den Hinterkopf: Wenn ich einst in beschaulicher Umgebung schick arbeiten will, schicke ich meine Bewerbung hier hin.
Inmitten der Häuser und Bäume zieht sich das Wasserbecken des alten Hafens, in dem einige kleinere Boote herumdümpeln. An den Kaimauern lässt sich der meterhohe Tidenhub ablesen, der regelmäßig die Boote höher und tiefer legt.
Der alte Hafen endet mit 2 alten Toren und einer Hängebrücke, an der ich kehrtmache und wieder zurück zum lebhafteren Stadtteil schlendere. Ich passiere die Gasthuiskerk = eine ehemalige Kapelle des alten Elisabeth-Krankenhauses aus dem 14. Jahrhundert und bin kurz darauf wieder inmitten von Geschäften aller Art und Touristen aller Couleur (die Rothäute sind zumeist Briten).
Endlich finde ich auch das Gebäude, auf dem das melodische Glockenspiel thront: es ist das Stadthuis, eine ehemalige Markthalle aus dem 14. Jahrhundert, und beherbergt heute das Stadtmuseum. Auch die Häuser gegenüber sehen pittoresk aus und später lese ich nach, dass es sich um die älstesten der ganzen Stadt handelt.
Stadthuis
Nach einem Kaffeestopp entdecke ich auch noch die weithin sichtbare Windmühle, die man allerdings nicht betreten kann – zumindest sieht sie nicht touristisch erschlossen sondern vielmehr privat aus. Macht nichts, das Ambiente mit kleinen Giebelhäusern, Fahrrad und Windmühle ist so sehr „ganz Holland in einem Bild“, dass ich meine Energie lieber in wichtigere Dinge als schnöde Besichtigungen stecke.
Eine gute Woche später werde ich eine Postkarte mit genau dem gleichen Motiv finden – fast schon unheimlich, aber auf eine gute Art und Weise.
Auf dem Rückweg zum Bus stoppe ich bei einem Metzger und lasse mir in lustigem Sprachgemisch die besten Steaks, Koteletts, Filets und sonstige Finessen für Grill oder Pfanne erklären. Angesichts der gesalzenen Restaurantpreise bin ich immer wieder erstaunt, wie billig dagegen der Kauf der Lebensmittel ausfällt. Ich nehme es hin und meine Tüte entgegen und freue mich, dass mein Bus-Kühlschrank inzwischen in jeder Lebenslage funktionstüchtig ist: mit Batteriestrom während der Fahrt, mit Gas im Niemandsland und mit Landstrom am Campingplatz.
Heute ist der Weg nicht mehr weit, denn wo alle Touris hinrennen muss es schließlich am schönsten sein, und so fahre ich zum Strand von Renesse. Und weil es hier so toll sein soll, ist der erste Campingplatz auch prompt ausgebucht. Zum Glück gibt es nicht nur einen, sondern 3 oder 4 oder 5 und schon der nächste, der einladend genug aussieht, hat freie Plätze einerseits und nur 100m zum Strand andererseits.
Gasthuiskerk Zierikzee
Nach dem pittoresken Städtchen Zierikzee wirkt der absurd breite Strand von Renesse leer und trostlos. Wobei leer nicht ganz stimmt: Touristen gibt es in ausreichender Menge, aber ansonsten gibt es nicht viel, woran das Auge sich weiden kann: beige-farbener Sand in 3 Himmelsrichtungen, umrahmt von sanft ansteigenden Deichen. In der 3. Richtung erstreckt sich Wasser bis zum Horizont und der Gesamteindruck ist: flach. Wie ein zweidimensionales Bild, das überwiegend in beige und blass-grauen Blautönen gehalten ist. So richtig will der Funke nicht überspringen, aber für eine Nacht zwischen netten Nachbarn und mit Aussicht auf die Steak-Luxusmahlzeit im sonnigen Gras geht das in Ordnung.
Strand, endloser
Überhaupt, die Campingplätze der Niederlande: akkurat gemähte Rasenflächen, die täglich (!) gemäht werden. Alles ist in Reih und Glied unterteilt und schafft es selten, seinen spießbürgerlichen Charme abzuwerfen. Es gilt: je akkurater die rechtwinklige Rasenfläche, desto 80er die Waschräume. Aber selbst in der Hauptsaison kommt man immer irgendwo unter, denn Camping ist im Land der gelben Nummernschilder ein flächendeckendes Phänomen, mit allen Vorteilen.
Am nächsten Morgen folge ich mit Campingstuhl und Kaffeebecher den Strahlen der Morgensonne und breche bald auf, um nördlich von Amsterdam die berühmten Strände von Zandvoort zu erobern. Das könnte richtig nett werden, mit Hippie-Tanz am Strand, Sandkörnern an Bierdosen und Erholung mit Flair. Könnte…
Zwischen Hochsommer und Regenfront liegt der Urlaubsauftakt: der Vorabend meiner Abreise führt mich spontan zum Wörthsee im oberbayerischen Fünfseenland. Es ist unglaublich, wie viel der näheren Umgebung Münchens ich immer noch nicht richtig kenne, da kann ich noch viele Wochenenden Urlaub mit 45 min. Anreise machen, um mir alles anzueignen… Jetzt, im August, ist jedoch der Aufbruch weit nach Nordwesten geplant, zuvor aber ist ein Schlenker über Münchens Südwesten dran.
Nach dem ersten Sommergewitterguss liegt der unerwartet große See dampfend im Abendlicht. Als wir von einem der idyllischen Holzstege aus über die Gänse und das Wasser blicken, ist der Reiz unwiderstehlich: komm, wir springen rein! Der Zufall will, dass im Auto ein Handtuch liegt und die Gefahr von Klamottenklau ist angesichts vereinzelter Hunde-Spaziergänger gering, also rein ins grüne Nass. Das Wasser ist mild wie flüssiges Gold und nach Wochen des Hochsommers angenehm warm. Jenseits von Trubel, Kiosk und Sonnenhungrigen gehört uns das Wasser fast alleine, nur ein einsamer Schwan sschwimmt langsam zum seichten Ufer.
Am nächsten Tag bekommt auch Hector seine Thalassokur, der Reisetag steht ganz im Zeichen des Sommerregens. 10 Stunden Fahrt sind Zeit genug für philosophische Fragestellungen: Wie schaffen es die Autos mit den gelben Nummernschildern, trotz tiefenentspannter Fahrweise und Tempo 80 große Entfernungen zu überwinden? Ich werde wohl zum Herkunftsland reisen müssen, um der Sache auf den Grund zu gehen…
Marktplatz Brügge
Nach einem Zwischenstopp in Neuss geht es schnurstracks nach Westen: zunächst führt die Fahrt nach Belgien, ein kurzer Münzwurf später entscheidet: Brügge statt Gent! Das Wetter kann sich nicht entscheiden, das ist für den hohen Norden (aus Münchner Perspektive) wahrscheinlich schon ein Erfolg. Mit Schirm, Charme und Kamera geht es also in die Altstadt von Brügge und ich bin positiv überrascht: der alte Stadtkern ist groß, größer als erwartet. Die Touristenmengen übrigens auch.
Starte ich zunächst in einem entspannten Park, so stehe ich kurz darauf in den Gassen und sehe vor lauter Leuten kaum die hübschen Häuser. Zum Glück sind die sehenswerten Gebäude in der Überzahl, das ein oder andere erhascht der Blick dann doch… Ich lasse mich treiben, von niedrigen Häuserreihen zu imposanten Bauwerken, von denen es eine beeindruckende Anzahl auf engem Raum gibt.
Spezialitäten der Region: hübsche Häuser und Bier
Belgien, genauer: Brügge strotzt nur so vor Spezialitäten: Bier in unzähligen Sorten und mit einem Museum, das bei genauerem Hinsehen ein Shop ist (Exit through the gift shop). Außerdem Waffeln in allen Variationen.
Muscheln natürlich. Und Nougat, Schokolade und Pralinen.
Vor allem aber: Belgische Frites mit Mayonnaise! Bei all dem angebotenen Touristennepp und überteuerten Restaurants ist die Wahl einer belebten Pommesbude vermutlich die beste. Für 2,95€ gibt es die mittlere Portionsgröße inkl. Sauce und mit etwas Glück einen Sitzplatz im wuseligen Gastraum. Doppelt frittiert werden die Goldstäbchen hierzulande, so dass man sich prima die Tschunge daran verbrennen kann…
Natürlich gibt es auch Hochkultur, Museen und Kirchen.
Nur wenige Stunden nach Ankunft ist mein natürlicher Orientierungssinn den gebogenen Straßen und Gässchen zum Opfer gefallen. Wie gut, dass ich geistesgegenwärtig das Navi in den Rucksack geworfen habe, so dass ich jetzt etwas lächerlich, aber doch sicher wieder zurück zum Bus finde. So viel Schlausinn wird belohnt mit dem Blick auf die erste Windmühle dieser Reise – fühlt sich fast schon nach Holland an!
Zwischen Brügge und meinem heutigen Ziel liegen nur wenige Kilometer und das übliche Navi-Bingo: TomTom und ich sind uns regelmäßig uneinig über die Güte (Breite, Traglast, Höhe) der ausgewählten Straßen, aber früher oder später kommen wir beide ans Ziel. Das ist in diesem Fall Strandcamping Groede, wo ein Bekannter gerade seinen 3-wöchigen Strandurlaub begonnen hat. Seit unserer letzten Begegnung sind 12 oder 15 Jahre vergangen und ich bin einigermaßen erleichtert, als er mir seine Stellplatznummer durchfunkt – wer weiß, ob ich ihn in freier Wildbahn wiedererkannt hätte? Vorher muss ich aber unbedingt noch was wichtiges erledigen: ab ans Meer!
Direkt am Meer hört der leichte Nieselregen auf und geht in Gischt über, der kalte Wind sorgt zudem dafür, dass sich das Meer an den Füßen regelrecht warm anfühlt. So viel Sommer ist fast zu viel des Guten, so dass ich mir ein Glas Rosé als Welkom-Drink im Strandhaus „Puur“ genehmige.
Am späteren Nachmittag suche ich dann zwei Reihen neben Hector den Familienwohnwagen von Markus auf. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen: er sieht genau so aus wie früher und das Willkommen ist herzlich. Und kulinarisch erfreulich: ob ich nicht mit zu Abend essen will…? Klar, warum nicht. Nach Stadtbesichtigung und Fahrt habe ich wenig Lust, selbst die Küche anzuwerfen, und so lande ich im wetterfesten Vorzelt und werde verwöhnt. Dorade vom Grill, Zucchinigemüse und goldene Kartoffeln, das ist deutlich mehr als meine Campingküche zu bieten gehabt hätte!
Ein Foto VOR Verschlingen der köstlichen Dorade wäre beeindruckender gewesen. Aber so schnell ist eben keine Kamera
Es ist eben wichtig, sich auf einem fremden Campingplatz gleich richtig zu orientieren und das beste Versorgungszelt ausfindig zu machen.
Der nächste Tag bringt blauen Himmel mit jagenden Wölkchen und das Klapprad darf mit ans Meer. Auf dem Deich, der meerseitig in Dünenlandschaft übergeht, zieht sich über zig Kilometer ein Radweg entlang.
Am Strand selbst ist es zwar hochsaison-typisch wuselig, aber bei so viel Sand und Meer bleibt genug Raum für jeden. Außerdem gibt es jede Menge zu entdecken: schicke Designer-Häuschen direkt am Meer, weiße Strandzeug-Buden, Strandhäuser mit adäquater Bewirtung und: die Allianz-Arena.
Neben dem Radweg verläuft auf dem Deich ein Spazierweg aus Muschelkalk, der sich malerisch durch die Dünen zieht. Genau richtig für eine kleine Joggingrunde, schließlich habe ich jetzt Urlaub und somit Zeit!
Urlaub, Faulenzen und so
Am Nachmittag merke ich dann, dass Urlaub auch ganz schön anstrengend ist, das muss wohl an der vielen Meeresluft liegen. So ein Bus-Sofa ist auch gar zu verlockend für ein kurzes Nickerchen, und so trete ich später ein wenig zerknautscht in das bewährte Versorgungszelt. Erneut werde ich umfänglich und wohlschmeckend bekocht und bin nach 1kg Garnelen gestärkt für den oranje-Party-Abend in der Strandbar hinter’m Deich. Fest in holländischer Hand mit belgischem Bier und lautstarker Musik wird hier regelmäßig gefeiert und es liegt wohl an meiner fehlenden Sprachkenntnis, dass ich manche Rituale nicht verstehe. Dessen ungeachtet findet sich zu später Stunde eine Ansammlung junger Männer auf dem Boden der Tanzfläche ein, die im Takt der Musik rudern. Einer trägt einen Helm, zwei tragen Tierkostüme, einer sieht normal aus und einer trägt einen Neoprenanzug. Echt, nächstes Mal mache ich vorher einen Kultur- und Sprachkurs!
Der nächste Morgen ist geprägt vom Konjunktiv: DAS wäre gestern eine gute Idee gewesen… Ich weiß noch, dass gegen 2:00 Uhr ein fantastischer Sternenhimmel zu sehen war, und dann war es auch schon halb zehn und das Aufstehen ging irgendwie zäh vonstatten. Das Wetter passt sich an und hält sich mit allzu heißer Sonne zurück, aber für einen Ausflug zum Leuchtturm und nach Breskens ist das gerade recht.
Breskens selbst ist unaufgeregt, aber praktisch: unter anderem gibt es einen großen Camping-Zubehör-Shop und ich finde prompt Ersatz für die abgefallene Steckdosenklappe an Hectors Außenwand. Fehlt nur noch jemand, der sie austauscht…
Bei den Wohnhäusern fällt auf, dass es offenbar strikte Regeln für die richtige Wohnungsdeko gibt: in jedes Fenstergehört eine Lampe (oder eine Blume), und zwar symmetrisch!
Die Küste zieht sich endlos in beide Richtungen, genau so stelle ich mir Urlaub an der Nordsee vor. Auch das Restaurant vom Strandhaus Puur sieht mit seinen Glasfronten einladend aus, aber gegen das Vorzelt von Markus, Thomas & Co. hat es keine Chance. Hector und ich werden langsam immer schwergewichtiger: er von den vielen Sandkörnern, die sich langsam im Inneren ansammeln, und ich von dem kg Garnelen, den Koteletts, den Pommes und den übrigen Köstlichkeiten.
Um es vorweg zu nehmen: Hector passte leider nicht in die Blockhütte…
Die Anreise zur traditionellen jährlichen Wanderung erfolgt statt dessen im kleinen Auto. Während ich zunächst zähen Verkehr überwinde ahne ich noch nicht, dass Christine mal wieder eine “10 von 10 Gämsen-Bewertungspunkten”-Wanderung herausgesucht hat.
Die Anfahrt wird erst ab dem Landecker Tunnel berichtenswert, aber dann wird es gleich richtig schön: die Landschaft wird zunehmend dramatisch, die Schlucht des Inn wird immer steiler und die Berge abweisender. Zwischen Scuol und Zernez lauern zudem ungeahnte Gefahren: zwischen den Serpentinen der Bundesstraße liegt ein Schießübungsplatz. Zielscheiben sind unterhalb der Fahrbahn an der Felswand angebracht und über eine Distanz von 50 – 500m wird geschossen. Scharf, wie ich annehme. Als ich an der Baustellenampel stehe und die Schüsse höre wird mir ein wenig mulmig und ich bin froh, als ich drei Kurven weiter diesen Bereich hinter mir lasse.
Die weitere Streckenführung ist wunderschön, wild und kurvig. Leider ist das nicht jedermanns Sache und erst als ich zwei bergauf-bremsende Kleinwagen hinter mir lasse, kann ich den Kurvenrhythmus genießen. In Zernez treffe ich Christine und wir lassen den Abend mit guter Pizza und einem kleinen feinen Glas Chianti ausklingen.
Samstag morgen fällt es sogar Frühstücksmuffeln wie mir schwer, dem typisch schweizerischen Angebot an Nussbrot, Bircher Müsli, Bündner Fleisch, frischem Obst, Bergkäse und weiteren Köstlichkeiten den Rücken zuzuwenden (natürlich erst nach ausgiebiger Kostprobe), um den Postbus um 9:30 Richtung Ofenpass zu erwischen. Der Bus ist voller Mountainbiker und wir sind froh, noch einen Platz zu ergattern. 14,- CHF und 4 Stationen später sind wir die einzigen Wanderer, die mitten im Bergschluchtigen Nichts an einem kleinen Parkplatz aussteigen.
Der Einstieg führt auf einem kleinen Pfad sanft bergab und es ist unglaublich grün. Leuchtend grünes Moos und Farne bedecken den weichen Boden, Sonnenstrahlen fallen tupfenweise durch grün benadelte Lärchen und es wirkt wie ein märchenhafter Zauberwald (wie passend! Anm. d. Red.).
Nach kurzer Zeit blicken wir auf den grün schimmernden Fluss am Fuß der Schlucht, den eine malerische Holzbrücke überspannt. Ab hier endet der sanfte Auftakt der Tour: die nächsten Stunden geht es kräftig bergauf und bergauf und bergauf. Gute 1000 Höhenmeter wollen überwunden werden, zunächst durch lichter werdende Lärchenwälder, dann durch vereinzelte Bäumchen und schließlich bis zu dem Punkt, an dem nur noch niedrigere Wuchsformen (Gras, Blumen und sonstige Botanik) den Berg überziehen.
Dort, wo die Bäume längst nicht mehr wachsen, ist das Reich der Murmeltiere. Zunächst fallen die Erdlöcher auf, die als Tor zur Stollenwelt ihrer Behausungen überall zu sehen sind. Kurz darauf sehen wir die ersten possierlichen Tierchen, deren weithin hörbare Pfiffe schon seit einiger Zeit die Luft füllen. Da sich Murmeltiere nur zu 10% an der Oberfläche aufhalten und zu 90% unter der Erde leben, haben wir insgesamt 100 Exemplare direkt und indirekt gesehen.
für die einen ein Erdloch, für die anderen eine Eigentumswohnung
Zunächst eine Kleinfamilie mit balgenden Jungtieren, während Papa (oder Mama?) auf den Hinterbeinen stehend immer wieder einzelne Pfiffe ausstößt, wobei der ganze Murmeltierkörper leicht erbebt. Später treffen wir weitere Tiere, eins davon so nah, dass wir in aller Ruhe die reichhaltigen Fettschichten unter dem dichten Fell bewundern können. Die Tiere sind einfach clever: sie wissen genau, dass das Gebiet seit über 100 Jahren Naturschutzgebiet ist und der Mensch ihnen hier nicht gefährlich wird. Entsprechend gelassen trauen sie sich auf 10m heran und grasen systematisch die Blumenwiese ab oder werfen ihr Hinterteil für Touristenfotos stolz in Pose. Hätten wir nicht ein klitzekleines Problem mit fehlenden Handyladekabeln und Kamera-zu-Hause gehabt, würde an dieser Stelle ein Murmeltier-PinUp-Kalender stehen.
Inmitten blumiger Murmeltier-Idylle machen wir Rast mit Weitblick. Ein großer Stein zwischen Bergblumen und Wanderpfad dient als Picknickplatz für Proviant und uns. Der Hang ist so steil, dass man zwar weithin auf die umliegenden Bergketten sehen, den gerade erklommenen Weg jedoch nur wenige Meter weit einsehen kann – der Rest fällt dem Anstiegs-Winkel und der Erdkrümmung zum Opfer. Vielleicht liegt es daran, dass wir heute weniger als einer Handvoll Wanderer begegnen.
Etwas später erreichen wir den höchsten Punkt der Tour = den Fuorcla Murter und haben 360° Rundum-Blick auf 2.545m. Ab jetzt geht es bergab, Ziel ist die Chamanna Cluozza: erbaut 1910 und seither einzige bewirtschaftete Hütte im Schweizer Ntionalpark. Erst später wird uns bewusst werden, dass der Abstieg vom Murter-Sattel auf Höhe der Hütte (1.882m) mehr als das naiv geschätzte Dreiviertelstündchen dauern wird.
Auf der anderen Seite des Sattels ist das Tal noch ein wenig rauer, noch enger und angesichts der Schneereste und des Blockgletschers wohl auch kälter. Obwohl von hier aus kaum Wasser im Kiesbett des Flusses auszumachen ist, füllt sein Rauschen die Luft bis nach oben. Die Sonne kämpft schon den ganzen Tag (erfolgreich) gegen die heranschiebenden Wolken, was gut in diese dramatische Landschaft passt.
Auch auf dieser Seite führt der Weg steil bergab, die Sicht reicht jeweils nur bis zur nächsten Biegung und der Wald, in den wir bald eintreten, tut ein übriges: die Hütte sehen wir erst, als wir schon auf 50m herangekommen sind. Erfreut und erschöpft lassen wir uns auf die Holzbänke fallen und genießen die Ankunft.
Gipfel- und Hüttenstürmerinnen
Die Hütte bietet neben Aussicht und Terrasse ein Toi-Häuschen, das rund 20m unterhalb des Haupthauses liegt, sowie ein Waschhaus mit Wasserhahn und Ablaufrinne. Das Wasser ist kalt, aber wohlschmeckend und trinkbar und das leibliche Wohl bleibt hier grundsätzlich nicht auf der Strecke. Obwohl nur alle paar Wochen per Helikopter eine Versorgungsladung vorbei kommt, ist die Verpflegung reichhaltig und lecker.
Nachmittag und Abend sind ganz der Erholung gewidmet: Beine ausstrecken auf Bank + Schaffell, Betrachtung der Landschaft und der anderen Wanderer sowie ein mehrgängiges rustikales Abendessen sind Beschäftigung genug.
Nach Einbruch der Dämmerung unterhalten wir uns angeregt mit illustren Wanderern aus aller Welt (Schweizer, Nichtschweizer, junge und alte) und tänzeln kurz vor der Hüttenruhe noch über die Slackline, die sich neben der Terrasse über 10m Länge spannt. Um 22.00h ist Zapfenstreich und die nächsten Stunden versuche ich mehr oder weniger erfolgreich, aus dem Seidenschlafsack, 2 Wolldecken und einer von 30 belegten Matratzen des Schlaflagers ein kuscheliges Nest zu bauen. Es hätte vermutlich geholfen, sich den neu gekauften Schlafsack und seine Funktionsweise zuvor bei Tageslicht anzusehen, aber auch so ist die Nacht trotz voller Belegung angenehm ruhig und erholsam.
Am nächsten Morge ist bereits um viertel vor sechs der halbe Schlafsaal leer und auch ich stolpere in den kühlen Morgen Richtung „Badezimmer“. Der Blick von der Plattform vor dem Toilettenhäusel ist umwerfend: gold schimmern die oberen Spitzen der schroffen Dreitausender in der Sonne, während der Rest der Schlucht in allen denkbaren Grauschattierungen noch zu schlafen scheint. Das Thermometer zeigt 6°C an und ich will gar nicht wissen, wie kalt es wird, wenn nicht gerade ein wohlige Hitzewelle den Hochsommer in ganz Europa krönt.
2h zuvor eine Kamera zur Hand, DAS wär’s gewesen!
Um halb acht tauschen wir die Hüttenschuhe gegen unsere Wanderstiefel und starten den Rückweg nach Zernez. Wir erwarten einen entspannten Abstieg, haben doch alle Schweizer (die am Vortag in entgegengesetzter Richtung aus Zernez zur Hütte kamen) berichtet, dass es hier nicht sehr steil sei. Wir lernen, dass die Definition „steil“ bei Schweizern eine andere ist als die uns vertraute.
Nach kurzem Abstieg zum Fluss am Boden der Schlucht wechseln wir über zur gegenüberliegenden Bergseite. Die Nadelwälder wirken morgens im Schatten noch recht gräulich, so dass es umso schwieriger ist, Steinböcke zu erspähen. Zum Glück begegnet uns später noch eine Gämse, die gefühlte drei Meter vor uns den Weg kreuzt; so haben wir wenigstens 2 der Big Five gesehen: Murmeltiere und Gämse. Erstaunlicherweise wirkt letztere auf dem Foto weiter entfernt, aber das liegt bestimmt an einer eigenwilligen Software-Einstellung der Handy-Kamera…
Der Weg führt uns zunächst eine gute Stunde bergauf, bevor sich die Landschaft langsam wandelt und die Richtung immer weiter talauswärts und bergab einschlägt. Inzwischen erscheint die Sackgassenseite der Schlucht ewig weit weg und auch wenn wir noch mitten im Wald sind, nähern wir uns mit jedem Schritt Zernez und der Zivilisation. Sogar Handy-Empfang gibt es inzwischen.
Blick zurück
Stunden oder Minuten später läuft der Weg zwischen Wiesen und Feldern aus, wir überqueren ein letztes Mal den Fluss und stehen an der Straße am Ortseingang von Zernez. Es ist irgendwie seltsam, auf einmal wieder in das normale Leben einzutreten. Die ganze Rückfahrt bis München und noch weit darüber hinaus hält die Begeisterung an: die tolle Tour, einmalige Landschaft, die Athmosphäre inmitten von Wanderern auf einer abgelegenen Hütte, die Gespräche, die Bilder, die Fülle der Eindrücke. Wow.
Schön, wenn im Umkreis von 1,5 Stunden die Berge, viele Seen und unzählige Campingmöglichkeiten locken. Da lohnen auch kleine Fluchten aus dem Alltag, schließlich ist Hector schon ganz ungeduldig und will wieder auf Tour. Also klingelt Samstags beizeiten der Wecker und um halb acht reihen wir uns ein in den Ferienverkehr Richtung Süden.
Vor der großen Urlaubswelle: Frühstück beim Dinzler
Der Irschenberg an der A8 ist der beste Stautest der Gegend: wenn es hier locker rollt, bin ich noch vor der großen Anreisewelle der nördlichen Bundesländer. Stress raus, Blinker rechts, 3. links und schon parkt der Bus souverän vor’m Dinzler. Kaffeerösterei, Frühstück und ideale Einkehr zwischen Wohnung und Ausflugsziel. Frisch gestärkt geht es weiter und schon 46 km weiter lasse ich die Inntal-Autobahn hinter mir und folge gewundenen Straßen bis zum Walchsee.
Der Terrassencamping Südsee lockt mit Seeblick von allen Stellplätzen und bietet selbst zur Hauptsaison genug Platz für einen schlanken 5,6m-Fiat. Wenn sie das Distelmeer zwischen den Schotterkieseln gelegentlich mähen würden, wäre der Campingplatz sogar richtig empfehlenswert – so wie es ist finde ich zwar alle freundlich und manche Plätze sind ganz hübsch, aber der Gesamteindruck bleibt ein wenig lieblos.
Egal, wer liebevoll kuscheln will, kann sich am Seeufer – vulgo: „campingplatzeigener Badestrand“ – mit den watschelnden Enten anfreunden, die heute gern die Zeitung mit mir teilen wollen. Der See schimmert einladend grün, ist vollständig in Privatbesitz und streng reglementiert: maximal eine gefühlte Handvoll Boote (Schlauchboote, Ruderboote, Elektroboote, Fischerboote) sowie das einzige Wasserskiboot des Sees dürfen gleichzeitig unterwegs sein, jeder Paddler muss daher einen Derfschein (hessisch für „Erlaubnis“) mitführen. Zum Baden ist das prima, weil man weit rausschwimmen kann, ohne um seinen Kopf zu fürchten. Ich liebe das Bergpanorama rund um die Alpenseen, das umso schöner ist, wenn man sich ein paar (hundert) Meter vom Ufer entfernt. Auf den Rücken legen und staunend die Berge betrachten, dann wassertretend die alte Schwimmbrille auf die Augen quetschen und lässig zurück ans Ufer kraulen – klappt inzwischen immer besser.
Der fabelhafte Sommer 2015 ist auch in den Bergen voll präsent: 31°C zeigt das Thermometer im Dorf, so dass ich eine bergauf-MTB-Tour auf den nächsten Morgen verschiebe und statt dessen rund um den See die Gegend erkunde – natürlich inklusive der angebotenen Eisbecher und Restaurant-Angebote.
Zwei Umrundungen später, die an 4 Strandbädern, 2 Campingplätzen und 1 Zeltwiese vorbei führen, springe ich zum zweiten Mal in die schimmernde Wasserfläche. Am Abend trägt mich mein Fahrrad in 5 Minuten durch saftige Bergwiesen zum Restaurant „Essbaum“, wo ich unbedingt die gebratene Forelle empfehlen kann.
Blick von der Forelle auf ihre Herkunft
Rechtzeitig vor dem aufziehenden Gewitter bin ich zurück am Campingplatz und freue ich: beide Dachluken waren sperrangelweit offen; als Blondine muss man eben auch mal Glück haben!
Inmitten des Spießertums, wie es nur Dauercamper und ihre Gartenzwerge vermitteln können, gibt es nur zwei Dinge, die man abends tun kann:
mit den Dauercamper-Nachbarn anfreunden und bei Prosecco und viel zu vielen Zigaretten fürchterlich versumpfen.
oder
früh schlafen gehen.
Auch wenn die Jungs mit der Konditorcreme um die Hüften wirklich nett sind und wahnsinnig hilfsbereit (was ich kurz vor der Abreise noch feststellen darf), entscheide ich mich für die 2. Variante.
Abends am Walchsee
Und so gelingt das Kunststück, mit dem ersten Hahnenschrei erholt aufzuwachen und auf dem Weg zum Zähneputzen den Sonnenaufgang über dem See zu genießen. Völlig stressfrei gibt es Kaffee und Seeblick und ein Grundlagen-Frühstück und um 8.00 sitze ich im Sattel und rede mir ein, dass es noch morgendlich kühl ist.
Morgens am Walchsee
Der Rundweg um und über die Berge führt nach den ersten 1-2 km in den schattigen Wald und wenn es nicht so penetrant bergauf ginge, könnte ich die Sommerfrische rundum genießen. Statt dessen fühle ich mich angesichts der Geräuschkulisse (Schnaufen) und des Wasserverbrauchs (leichte Transpiration) wie eine Dampflok, aber ich hab es ja so gewollt.
Nach einigen Höhenmetern höre ich, wie von hinten beschwingt und doppelt so schnell ein anderer Radler ankommt und wir unterhalten uns kurz. Dezente Notiz im Hinterkopf abheften: wenn ich jemals wieder auf Männersuche gehe, dann mache ich das im Wald! Der Radler ist nämlich eindeutig sympathisch und nebenbei sportlich und so freue ich mich über die kurze Begegnung. Getoppt wird er allerdings vom nächsten vorbeikommenden Radler, der so aussieht, als wären 600 Höhenmeter sein morgendliches Warmup. Danach ist zum Glück Ruhe, auch wenn ich irritiert feststellen muss, dass der Anstrengungsgrad nicht am Fahrrad liegt – der Supersportler hat nämlich das gleiche Rad hat wie ich. Nur dass seins irgendwie schneller fährt…
Diese angenehm flachen Wege habe ich aus unerfindlichen Gründen NICHT genommen. Wohl deshalb, weil sie in die falsche Richtung führen.
Sobald erste Aussichtspunkte entlang des Weges kommen weiß ich wieder, warum ich das hier mache: weil die Bergkulisse von hier oben am schönsten ist! Und weil ich stolz bin einen Punkt hoch oben erreicht zu haben, den ich mir von unten gar nicht vorstellen konnte – und doch bin ich hier.
Der Walchsee schimmert grün, die Sonne schickt diesige Strahlen quer in die Landschaft und die Kühe betrachten interessiert meine Mühen, als ich kurz darauf das Fahrrrad über ein winziges Drehkreuz inmitten von Weide-Stacheldraht-Zäunen hebe, was auch fast kratzerfrei gelingt. Zum Glück ist das einzige nicht-fahrbare Stück nur kurz und danach werde ich mit einer langen Abfahrt belohnt.
Zurück im Tal erwartet mich das pralle Landleben
Leider ist es noch zu früh für ein Mittagessen beim Essbaum, also fahre ich statt dessen erst mal zurück zum Campingplatz, wo ich spontan rechts abbiege, alle Sachen (Fahrrad, Rucksack, Helm, …) ins Gras werfe und mich umgehend in den See werfe. Was für eine Wohltat!!!
Die nächsten Stunden sind geprägt von Kaffee, Obst, Schnitzel, See, Liegewiese, See, Buch, See. Als es auf halb vier zugeht, lasse ich das milde, grün schimmernde Wasser hinter mir und fange an, die Lager abzubrechen. Perfektes Timing, denke ich, als erstes Donnergrollen ein kleines Gewitter ankündigt. Jetzt noch schnell das Fahrrad in den Bus und die Fenster zu und… und die Fenster zu?!
rechts im Bild: das tückische Fenster
Etwas hilflos stehe ich am Sofa-Fenster und stelle fest, dass die Mechanik mich auslacht. Das Fenster lässt sich mühelos sperrangelweit öffnen, aber die Gegenrichtung will partout nicht so wie ich will. Jetzt kommen die freundlichen Dauercamper ins Spiel: sie saßen zwar schon im Auto und wollten gerade losfahren, aber binnen Sekunden steht einer der Jungs neben mir, fragt freundlich nach einem Schraubenzieher und montiert kurzerhand den störrischen Aufstellbügel ab. Später zu Hause werde ich feststellen, dass eine Stecknadel und viel Gefühl auch helfen, aber für die schnelle Lösung, die mir einen regenfesten und abfahrbereiten Bus beschert, bin ich den Jungs echt dankbar!
Die zweite Hälfte meiner Erholungswoche rund um Meran beginnt mit trockenem, leicht diesigen Wetter. Beim Aufwachen zeigt das Thermometer noch 13°C, aber bis ich endlich auf dem Fahrrad sitze ist es schon so warm, dass sämtliche Regen- / Zusatz- und Reserveklamotten eng gequetscht im Rucksack landen. Nachdem ich nun die Radweg-Beschilderung rund um Meran etwas kenne, nehme ich sicherheitshalber das Navi mit – ein Handgriff, der sich bereits 5 km weiter bewährt. Himmelsrichtung, Intuition und Wunschdenken werden bestätigt, als mein TomTom mich vom Radweg weg und eine nervtötend befahrene Landstraße bergauf schickt. Zum Glück ist das der kleinste Teil der Strecke, denn schon nach rd. 750m erscheint der erste von 4 Parkplätzen, die unterhalb von Schloss Trauttmansdorff die Touristenmassen bändigen sollen. Die Gärten von Trauttmansdorf sind weithin berühmt und vor allem bei Reisebussen beliebt. Angesichts der weitläufigen Anlage stört das aber nicht im geringsten, zumal gerade die steileren Wege großteils rollator-frei sind. Nach einem unerwartet guten Mittagessen im ansässigen Restaurant, das Münchner Preise locker unterbietet, schlendere ich durch ein wasserfall-artiges Blütenmeer hoch zu den Palmen: Sand, Liegestühle und der Blick auf schneebedeckte Berggipfel. Ein hübsches Fleckchen, das sich mit einer lässigen Bambushütten-Cocktailbar noch spürbar aufwerten ließe. Anschließend durchquere ich die Papageien-Voliere und stehe auf dem windumtosten Stahlgerüst, das als Aussichtspunkt mehrere Meter ins Nichts ragt. Der Park bietet weitere Spielereien und Aussichtspunkte und so viel Pflanzen und Vielfalt, das der große Gartenliebhaber meiner Familie mindestens zwei Wochen beschäftigt wäre bevor ihm auffällt, dass er den Rest der Gruppe verloren hat. Da körperliches Wohl nicht nur von Bewegung und blütenreichem Augenschmaus abhängt, hole ich mir unten am künstlichen See ein Eis, lasse mich auf der See-Plattform in einen Liegestuhl fallen und genieße meine südtiroler Auszeit. Dieses Gelände hier ist eine unterhaltsame Mischung aus botanischem Garten, Sissi-Andacht, museal aufbereiteter Touristen-Historie, alten und neuen Gebäuden und Aussicht auf Berge und Täler. Wer sich noch nicht die Füße platt gelaufen hat kann ausgehend von den Gärten Trauttmansdorff einen historischen Fußweg nehmen, der ihn sanft zum Zentrum von Meran hinab führt. Ich lasse es gut sein und freue mich, dass auch mein Rückweg zum Campingplatz überwiegend bergab geht – zumindest für heute. Am nächsten Tag geht es dafür umso mehr bergauf: Zunächst per Seilbahn, die alle halbe Stunde fährt und auch mein Fahrrad sanft nach oben schweben lässt. Dann auf breiten, steinigen Wanderwegen, die mir zwar meine mangelnde Fitness vor Augen führen, sich aber mit etwas Zeit für kleinere Fotopausen gut bezwingen lassen. Belohnt werde ich dafür mit der Auswahl mehrerer Berggasthäuser und einer kleinen Kapelle, die oben auf dem Vigiljoch thront. Wie üblich habe ich längst Hunger, aber für die ersten beiden Einkehrmöglichkeiten ist es noch zu früh. Also geht es weiter zur Schwarzen Lacke, einem kleinen Moorsee mit überaus einladender Gastwirtschaft daneben. Entlang der Holzwand der Hauses stehen rustikale Bänke, verstreut sitzen entspannte Wanderer und Radler und die Speisekarte bietet genügend Auswahl, um über 1,5 Stunden verteilt die Beine auszustrecken und im Wechsel süße und deftige Tiroler Gerichte zu sich zu nehmen. Die Sonne strahlt, das Holz im Rücken ist wohlig warm und die Gegend so friedlich, dass es Überwindung kostet, sich wieder aufs Rad zu schwingen. Die nächste Etappe ist zwar auskunftsgemäß eher schwierig zu befahren, aber einen Versuch sollte es wert sein… Tatsächlich ist der Weg nun eher ein Trampelpfad und steinig obendrein. Ich taste mich langsam heran und fahre einzelne Etappen möglichst locker (und stehend) bergab, unterbrochen von ausgesetzten oder knorrig-wurzeligen Abschnitten, in denen ich das Rad souverän schiebe. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass das Verhältnis von Fahren und nebenher-laufen sich mit fortschreitender Übung vorteilhaft verschiebt… Nach einiger Zeit kommen die Skipisten in Sicht und kurz darauf mündet der Pfad in die Serpentinen des Wanderwegs, den ich am Vormittag bergauf unter die Räder genommen habe. Für den Rückweg lasse ich die Seilbahn links liegen und fahre statt dessen die gesamten 1.434 Höhenmeter konzentriert bergab. Die Strecke zieht sich und führt entlang weitläufiger asphaltierter Mini-Sträßchen über Kilometer und Kilometer bergab – gelegentlich durchkreuzt vom Wanderweg, der diagonal den Berg hinab führt und per Fahrrad nun wirklich kein Spaß wäre. Euphorisiert von meinem großartigen MTB-Ausflug beschließe ich, ein paar Flaschen des hervorragenden Weißweins von Gut Haidenhof mitzunehmen, das liegt mit einem kleinen Schlenker fast auf dem Weg. Dachte ich zumindest… War ich drei Tage zuvor aus der entgegengesetzten Richtung gekommen, so muss ich jetzt feststellen, dass es eine Grenze der fahrbaren Steigungen gegenüber der nicht-fahrbaren Steigungen gibt. In diese Richtung gilt eindeutig: nicht fahrbar. Beim besten Willen nicht. Die Kühle der Berge ist leider nur noch eine schwache Erinnerung, während ich in brütender Hitze die steile Straße bergauf stapfe und das Fahrrad meterweise bergauf schiebe. Erst kurz vor dem Ziel flacht es so weit ab, dass ich in den Sattel steige und mit hochrotem Kopf im Haidenhof ankomme. Ich muss irgendwie erschöpft aussehen, denn die freundliche Eigentümerin bietet mir sofort einen der Liegestühle an, damit ich erst mal wieder zu Kräften komme. Später ziehen mich die erworbenen Weinflaschen talwärts und die Steigung fordert zwar etwas Konzentration, ist in der bergab-Richtung ansonsten aber tadellos fahrbar. Der Whirlpool des Campingplatzes sorgt dafür, dass sich der Muskelkater nach der ganzen Radelei in Grenzen hält und ich bin sicher, dass ich in den nächsten Jahren immer mal wieder kleine Fluchten in die Südtiroler Gegend rund um Meran antreten werde, um die Mischung aus mediterranem Klima und frischen Bergen zu genießen. Und das ganze gerade mal 3,5 Stunden von zu Hause entfernt!
Eine Woche an einem Fleck? Nicht mal am Meer?? Oh je, ich bin nur noch einen Wimpernschlag vom Dauercamping entfernt…?! Das und weitere Grübeleien wabern während der Anreise durch meinen Kopf. Skepsis ist das eine, Ankunft und erste Eindrücke das andere: Vorweg muss an dieser Stelle unbedingt festgestellt werden, dass vieles hier ganz toll ist – ich aber nicht unbedingt der Zielgruppe entspreche. Die Werbeabteilung jedenfalls, die hat es hier richtig drauf: Beworben wird der Campingplatz „Schlosshof / Meran“, der rd. 10 km vor Meran in Lana liegt, idyllisch eingebettet zwischen Gewerbegebiet, Obstbäumen und Strommasten. Der vollmundige Name leitet sich nicht von einem Schloss her sondern resultiert daraus, dass das Grundstück vor zwei Generationen von einem ehemaligen Schlossherrn abgekauft wurde. Die Stellplätze sind relativ dicht und akkurat aufgereiht, die Sauna ab der 2. Person restlos überfüllt und die „olympischen Ausmaße“ des Indoor-Pools lassen mich tagelang darüber grübeln, ob es schon mal eine Kurzbahn-Olympiade auf max. 18m Länge gegeben hat. Das waren jetzt so ziemlich alle negativen Aspekte, ab hier wird gelobt: Die Sanitäranlagen sind schick und neu und bessere sind mir noch nirgends begegnet. Die Pools (innen und außen) taugen sowohl für Bikini-Nabelschau als auch für sportliche Bewegung, wobei beides als Provokation für die umliegenden Rentner nebst Gattinnen verstanden werden darf. Vor allem reizt mich aber die Gegend, die mit unzähligen alten Burgen und Schlössern, Bergen in jeder Ausprägung und einem dichten Netz aus Wanderwegen, Radrouten und Seilbahnen viel zu bieten hat. Von Kultur, k.u.k.-Kurcharme und gutem Wein ganz zu schweigen. Zum Glück ist auf regenreiche Wetter-Apps wenig Verlass: trocken und sonnig pumpe ich Luft in die Reifen meines leicht angestaubten Mountainbikes und breche auf in die umliegenden Berge. Von Lana über das Flüsschen Falschauer geht es zunächst nach Tscherms und von dort aus stetig bergan, vorbei am Baslan-Haus und hoch zum Schloss Lebenberg. Rechts und links des nahezu autofreien Asphalt-Sträßchens wechseln sich Weinberge und Apfelbaumplantagen ab, es riecht nach Flieder und Frühling und trotz der Aussicht auf schneebedeckte Berge wird mir immer wärmer. Obwohl mein Fahrrad die meiste Last tragen muss, bin ich es, die ziemlich verschwitzt am Schloss ankommt. Es werden zwar lohnenswerte Führungen angeboten (Freskenmalereien, Waffenkammer, alte Gemäuer), die Wartezeit von 45 min. bis zur nächsten Führung ist mir aber zu lang. Ohne es zu wissen lege ich in diesem Moment das Motto dieses Urlaubs fest: Schlösser und Burgen in rauen Mengen, aber nur von außen! Anziehender wirken dagegen die Hinweisschilder auf den Haidenhof, flankiert von Messer und Gabel und somit genau das Richtige zur Mittagszeit. Nur eine Biegung oberhalb von Schloss Lebenberg führt die Straße quasi direkt in den Garten des Weingutes / Wirtshauses: auf satt grünem Gras stehen Tische, Bänke und Liegestühle und laden ein, den Blick über das Tal bei Tiroler Küche und Omas liebevoller Bewirtung zu genießen. Es muss am benebelnden Blütenduft liegen, dass ich mich plötzlich ein Glas Sauvignon bestellen höre. Kaum steht das kühle Glas fruchtig-duftend vor mir, bin ich trotz erster Zweifel mit der Entscheidung versöhnt: Urlaub ist zum Genießen da! Außerdem tut ein wenig Erholung sicher gut, denn zu meinem großen Erstaunen sind weder regelmäßiges Schwimmen noch unregelmäßiges Yoga besonders geeignet als Vorbereitung für bergauf-Mountainbike-Touren. Tag 2 ähnelt in Sachen Wetter-App dem vorhergehenden: von Regen keine Spur! Also erneut in den Sattel und den Radweg nach Meran auskundschaften. An einigen Stellen ist die Beschilderung unerwartet dürftig, aber nach spätestens 45 min. ist man am Ziel. Ob Edel-Hengst oder Drahtesel, wer an ein oder zwei Stellen falsch abbiegt verfährt sich zwar nicht völlig, darf aber fast die gesamte Galopp-Rennbahn umrunden – immerhin zählt sie zu den schönsten weltweit, wenn auch wohl nur von innen betrachtet.
Die Karte diente vor allem dazu, mir meine Umwege aufzuzeigen
Im Zentrum von Meran parke ich schließlich das Fahrrad gegenüber des Teatro Puccini und begegne lauter sportlichen Menschen, die am heutigen Halbmarathon teilnehmen. Beim Zusehen komme ich mir auf einmal ganz lahm und pummelig vor und nehme konsequent den Sessellift (statt Wanderweg), der mich in Richtung Dorf Tirol trägt. Dass der bärige Liftwärter gern mit blonden Damen flirtet, gibt’s als Zugabe zum 4,50€-Ticket obendrauf. Oben angekommen lerne ich, dass es noch lange nicht „oben“ ist: 20 min. lang spiele ich den Vorteil der Jugend gekonnt aus und überhole diverse Reisegruppen. Als Belohnung gibt es ein touristisch-uriges Ortszentrum und den Blick auf Schloss Tirol und die Brunnenburg. Schloss Tirol wurde ursprünglich im 12. Jahrhundert von den Vinschgauer Grafen erbaut, die sich im schwelenden Machtkampf mit rivalisierenden Adelsgeschlechtern als „Grafen von Tirol“ bezeichneten und somit der gesamten Gegend ihren Namen gaben. Zurück im Talkessel von Meran, ergänze ich die Liste der von außen betrachteten Schlösser um die Landesfürstliche Burg, die seit dem 15. Jahrhundert den Herren von Tirol als Stadtsitz diente. Ich lasse mich weiter durch die alten Straßen treiben und stromere durch die Arkaden der Laubengasse zum alten Stadtviertel Steinach. Unterwegs werfe ich noch einen Blick in die Stadtpfarrkirche St. Nikolaus und stehe plötzlich vor dem gestern erst eröffneten Stadtmuseum im Palais Mamming. Aufgrund der Neueröffnung lockt freier Eintritt für alle Altersklassen und so erkunde ich staunend das Sammelsurium der Meraner Geschichte. Von urzeitlichen Minheren über die Bedeutung von Tod und Religion bis hin zu altem Stuck und mittelalten Gemälden ist alles dabei. Besonders schön sind natürlich die Pin-Up-Bilder aus der Kur-Ära der Stadt um 1900 herum. Nach Begutachtung der alten Postbrücke, die malerisch die rauschende Passer überspannt, wandele ich möglichst stilvoll durch die Wandelhallen entlang der Winterpromenade. Als ich in der Jugendstil-Kulisse einen Cappucino bestelle wundere ich mich, dass die Preise (2,40€) trotz allem Prunk deutlich unter Münchner Niveau liegen. Immer wieder fallen mir Plakate auf, die mit Kultur-as-Kultur-can aufwarten: Lesungen, Theater, Blütentage, Sportereignisse, Musikfeste und wahrscheinlich auch Bingo-Abende für die Reisegruppen lassen erahnen, dass man in Meran mehr als nur ein oder zwei Tage zubringen kann, ohne sich vor Langeweile einen Kurschatten anlachen zu müssen. Wie gut, dass mich mein Rück-Umweg an einem wenig schicken, aber sehr zentralen Campingplatz („Camping Tennis“) vorbei führt, da komme ich ein ander mal gern wieder um mich in das Kultur- und Nachtleben zu stürzen. Der nächste Tag bringt Ruhe und Nieselregen mit sich und ich freue mich einmal mehr über Hectors Lounge-Sofa. Außerdem komme ich endlich dazu, den zerlegten Wasserhahn-Duschkopf im Badezimmer zusammen zu setzen, der bei der letzt-herbstlichen Wassersystem-Prüfung zerlegt worden war. Es endet erfolgreich damit, dass ich für Donnerstag einen Termin bei meinem Schrauber ausmache, der kann so was einfach besser als ich. Für das besser werdende Wetter ab Dienstag plane ich die „schönsten Gärten Italiens“ und noch eine richtige Mountainbike-Tour am Vigil-Joch. Ob das alles auch so kommt, werden wir sehen…
Der Burj Khalifa ist mit seinen 828 m Höhe das Highlight der Stadt und der Welt. Auch wenn die Aussichtsplattform nur im 124. Stock liegt ist die Perspektive geradezu ernüchternd: Wie unfertig Dubai doch ist, und wie sinnlos in dieser Weitläufigkeit die Skyscraper wirken. Gerade die Gegend, die als „Downtown“ bekannt ist, kann kaum als Stadt bezeichnet werden, sondern eher als verstreute Ansammlung einzelner Hochhäuser, die einzeln zwischen Autobahnen und Baustellensand aufgestellt wurden. Ohne Verbindung, ohne echtes Stadtleben.
Am Horizont sieht man im Dunst die Welt im Meer versinken. Eigentlich lässt sich gar nicht so genau sagen, ob sie sich gerade aus dem Meer erhebt oder darin unter geht, das Projekt der künstlichen Inseln in Welt-Form ist in den letzten Jahren ins Stocken geraten. An der Antarktis wird kräftig gebuddelt und Sand aufgeschüttet und auch von der Arktis sind die Ränder stabil befestigt, aber nur drei der Inseln sind bisher bebaut und die Zukunft der Sandhäufchen ungewiss.
Wenn ich Scheich wär, würde ich auch lieber in die schicken Hochhäuser von Downtown investieren als in Sandburgen im Meer. Und wer kam eigentlich auf glorreiche Idee, ein auf Sand gebautes Traumschloss ausgerechnet „Atlantis“ zu nennen?? Ich nenn‘ doch eine Yacht nicht ausgerechnet „Titanic“…?! Naja, hoffen wir das Beste.
Bevor wir zu den Yachten kommen, brauchen wir erst mal eine Stärkung. Mit glücklichem Händchen sitzen wir vor der Dubai Mall im Schatten und genießen Fisch und Gemüse, als unerwartet die berühmten Wasserspiele mit Musikbegleitung im künstlichen See beginnen. Sonst nur abends und völlig überlaufen, erleben wir einen Testlauf des Spektakels (fast) direkt vor unseren Augen und ohne Anstehen, Drängeln oder Terminplan. So viel sich die Emirati in Disneyland abgeschaut haben, so gut sind sie (meistens) in der Umsetzung: Rund um die Dubai Mall wird das an allen Ecken sicht- und hörbar, von den multimedia-Hightech-Aufzügen des Burj Khalifa bis zur Inszenierung mit klassischer Musik, die das Wasserspektakel untermalt.
Danach geht es beschwingt zur Metro, auch wenn unser Schwung im Lauf der Strecke deutlich abnimmt. Optimisten laufen in den ersten Teilstücken noch aus eigener Kraft zwischen den Laufbändern, aber nur wenige km weiter werden die ersten erschöpft zurück bleiben. Nicht allein, dass die Dubai Mall 1.124.000 m² Fläche hat, die erst mal durchschritten werden will, darüber hinaus liegt die Metro-Station gefühlt in einem anderen Stadtteil. Immerhin ist die Gangway klimatisiert und bietet schöne Ausblicke auf das umgebende Stadtbild, aber die 800 m Entfernung, die Wikipedia aufruft, hat vor uns offensichtlich noch keiner nachgemessen. Zum Glück sind wir jung und sportlich und schön und sitzen geraume Zeit später endlich in der blitzsauberen Metro, um quer durch die Stadt bis zur Marina zu rollen.
Marina ist eine Offenbarung, mit der ich nicht gerechnet habe: das Leben hier ist bunt gemischt, die Hochhäuser stehen fast so dicht wie die Yachten in ihren Anlegeplätzen liegen, es ist immer belebt und die Promenade ausgestattet mit etlichen Cafés, Restaurants und Geschäften. Jogger laufen durch Weihnachtspalmen und die ständig verstopften Straßen spielen keine Rolle mehr, wenn man erst die ruhigen Wasserarme erreicht hat. Auch die verhältnismäßig kleine Marina Mall gefällt, da es hier weitaus ruhiger zugeht als in den wuseligen Malls zwischen Downtown und Jumeira.
Zwei Abende in Folge genießen wir internationales Essen im Yachthafen und sehen dabei Clowns (fade) und Breakdancern (muskulös) zu, die beim Streetlife Festival genau vor unserer Nase auftreten.
M und ich legen noch einen weiteren Touri-Tag ein und besteigen am nächsten Morgen die Ferry, die von Marina aus entlang der Küste bis nach Bur Dubai / Deira fährt.
Die Beschreibung von Bur Dubai liest sich im Lonely Planet verlockend, es ist die Rede von günstigeren Hotels, kleinen Restaurants aus aller Herren Länder, indischen Einflüssen und alten Stadtteilen. Ganz so anheimelnd ist es bei Lichte betrachtet dann doch nicht, zumal das (künstlich wieder aufgebaute) Heritage & Diving Village um die Mittagszeit geschlossen hat, so dass wir es für heute mit der Betrachtung von außen gut sein lassen.
Durch quirligen Verkehr, aufkommende Hitze und ungewohnt verschmutzte Straßen zieht es uns nach Bastakiya, wo in historischen Gebäuden zeitgenössische Galerien und kleine Kunsthandwerk-Läden angepriesen werden.
Das Viertel strahlt wohltuende Ruhe aus und die engen Gassen zwischen den Lehm-Korallen-Gebäuden werfen kühlende Schatten als wir hindurch schlendern. Es gibt keinen großen „Wow!“-Effekt, aber immer wieder kunstvolle Details zu entdecken.
Ich liebe ja augenzwinkernde, zeitgenössische Kunst. Da darf auch der schöne alte Innenhof des XVA Art Cafés in Plastikfolie mit Blümchen verpackt werden, auch der pink gefärbte Bart des irakischen Künstlers hat was, nur die restlichen Bilder, kopfüber hängende Puppen und kriegerische Geräusch-Installationen wirken leicht verstörend. Egal, M hat alles im Griff und thront königlich inmitten von Kunst und Historie, zeitlos geradezu.
Als nächstes entern wir eines der Abras (Wassertaxi) und setzen für 1 Dirham = 20 €-cent über auf die andere Seite des Creek. In der Luft hängen die Abgase der Abras und Dhaus (alter Segelschifftyp, ergänzt um stinkende Motoren), aber irgendwie passt das in das wuselige Viertel. Die Dhaus wirken altertümlich, werden aber auch heute noch eifrig genutzt, um Waren aus aller Welt anzulanden, umzusortieren und weiter zu verteilen.
Etwas mühsam suchen wir uns den Weg zum Gold Souk: eine überdachte Ladenstraße mit Schmuckläden rechts und links und angeblich den besten Goldpreisen der Welt. Das Angebot wirkt erschlagend und zum Glück strahlen wir auch schmucklos genug, ohne dass wir mit Armreifen oder Klunkerringen nachhelfen müssten.
Wenn man sich auskennt, ist es vom größten Goldring der Welt nur einmal-rechts und einmal-links und schon öffnen sich die engeren Gassen des Old Spice Souk mit getrockneten Limetten, Safran, Nüssen und Tee in riesigen Säcken. Wenn man sich nicht auskennt, landet man vorher im Haushaltswaren-Souk, im Matratzen-Souk, Textil-Souk und diversen Kleingeräte-Läden… Nebenbei gelernt: in diesem Land mindestens 3x nach dem Weg fragen, damit sich unter den verschiedenen Antworten zumindest eine Tendenz für die einzuschlagende Richtung ergibt. Bevor hier jemand zugibt, etwas nicht zu wissen, wird lieber in’s Blaue hinein geantwortet, daran müssen wir uns erst noch gewöhnen.
Die Märkte wären eigentlich ganz schön, wenn die Händler etwas zurückhaltender wären. Wir sind froh und stolz, die „alten“ Souks gefunden zu haben und wissen das Angebot an sich auch zu schätzen. Dennoch sind die Märkte in anderen Teilen der Welt vielfältiger und wirken irgendwie echter. Hier lässt sich das Gefühl nie ganz abschütteln, durch eine Touristenkulisse zu laufen.
Bevor wir der Marktschreier überdrüssig werden erstehe ich mit Ms Hilfe noch zwei Pashmina-Schals, die für die erste Zeit tatsächlich aus 100% Kaschmir zu sein scheinen. Gern würden wir noch nach luftigen Tunikas stöbern und farbenfrohe Seidenstoffe bewundern, aber die beständige Abwehr diensteifriger Verkäufer zusammen mit der sommerlichen Hitze ist inzwischen zu viel. Als Gegenpol tauchen wir ein in die klimatisierte Reinraum-Welt der Metro, die uns günstig quer durch die Stadt trägt.
Eine Woche ist schnell verflogen. Wie bei jedem schönen Urlaub fallen mir am Abreisetag noch hundert Dinge ein, die ich tun und sehen könnte: Ausflug nach Abu Dhabi, Besuch der Museen und Heritage Villages, Quad-Fahren in der Wüste, Kamelritt, Oasenbesuch, Frühstück mit Einheimischen im kulturellen Austausch, Hotel-Aussichtsbars undundund.
Ich hebe es mir auf für spätere Besuche und genieße stattdessen einen Vormittag am Pool, bevor mich ein belehrender Taxifahrer zum Flughafen bringt. Die halbe Fahrt hindurch hält er mir Vorträge über sein klar nach schwarz und weiß eingeteiltes Weltbild: die gute = arabische Kultur einerseits und die englisch-sprachige = alkoholisierte und somit böse Kultur andererseits. Am meisten daran begeistert mich mein Durchhaltevermögen, mit dem ich zurückhaltend schweige.
Die Ausreise aus diesem widersprüchlichen Land spiegelt meine Einreise 1:1 wider: nachdem der barsche Mensch am Einreiseschalter vor einer Woche meinen Pass nicht mit dem passenden Einreisestempel versehen hat, fehlt mir die Grundlage für die Ausreise. Immerhin sind heute sämtliche Beamte (vor allem die in den Dishdasha, weniger die in Uniform) freundlich und gelassen, während sie mich vom Kotroll-Schalter zum 3. Büro rechts und vorn dort zum nächsten Kontrollschalter und zu einem weiteren Passkontrolleur und wieder zum Schalter schicken. Schließlich erhalte ich einen bedeutsamen Stempel auf mein Flugticket und darf weiter.
Der Heimflug ist wie der Hinflug, nur besser: der Sitzplatz bequemer, das Essen aromatischer und die Aussicht noch schöner.
Blick auf den Ararat
Über dem vorderen Orient (oder wo auch immer wir gerade sind) ist der Blick über weitgestreckte Bergketten mit Schnee, einzelne Seen und dünne Besiedelung fantastisch und ich komme kaum dazu mich mit meinem Buch, dem Filmprogramm und den Postkarten auseinander zu setzen. Einige Stunden später ist der Urlaub offiziell vorbei, wie unschwer an den schneebedeckten Wiesen des kalten Münchner Flughafens zu erkennen ist.
„Ich will aber mit! Ich will mit Kamelen spielen und mich in Sanddünen wälzen und über zehnspurige Autobahnen düsen ohne zu blinken, nur mit Hupe!“
„Nein Hector, diesmal nehme ich das Flugzeug.“
„Aber andere machen es doch auch!? Zum Beispiel der riesige Ford Pickup Truck mit seinen 6m Länge, der ist größer als ich und fährt 1a durch die Wüste!“
„Der wiegt aber auch nur ein Drittel von dir. Solange du nicht auf allen Vieren gleichzeitig Gas geben kannst, ist der Weg nach Dubai kein geeignetes Hector-Revier.“
Während Hector schmollt und irgendwas grummelt wie „…wer ist hier fett??“, fliege ich also nach Dubai. Es ist Mitte März und Zeit, die dorthin ausgewanderten Freunde zu besuchen.
Beim Einsteigen ins Flugzeug fällt sofort auf, wie bequem der Sitz ist. Für Menschen < 1,50m Körpergröße. Der Gurt sitzt fest, solange man sich nicht bewegt, aber das künstliche Wurzelholzdekor am Fensterrahmen reißt den Qualitätsanspruch natürlich wieder raus. Macht nichts, das Entertainment-Programm an Bord ist gut sortiert und die Sicht aus den Bullaugen geradezu berauschend.
Bemerkenswert ruhig schwebt der Flugsaurier unter den Flugzeugen (A380-800) in Dubai ein. Allerdings fliegen wir zunächst an der Stadt vorbei, aber noch bevor ich die Crew darauf hinweisen kann, bemerkt der Pilot seinen Fehler und dreht rechtzeitig bei.
Nächstes Highlight: die automatische Passkontrolle! Zunächst wird der Pass von jedem Versuchs-Touri eingescannt und vermutlich für die Ewigkeit gespeichert, dann fordert eine Automatenstimme: „Please contact the passport control.“ Stolz in dunkelgrüner Uniform scheucht Mr. Wichtig jeden hinter eine gelbe Linie: „Stand the line! Stand the line!!“ und gibt erst Ruhe, als sich rd. 45 Menschen in einer engen Warteschlange ausgiebig auf sämtliche Füße getreten sind. Wir warten und betrachten nonchâlant die 20 Passkontroll-Zugänge, die aus unerfindlichen Gründen nicht zur Benutzung oder nicht für uns oder nicht heute jedenfalls nicht freigegeben werden. Nach 10 untätigen Warteminuten werde ich durch einen schmalen Gang zu einem Passkontroll-Menschen gefuchtelt, der hauptsächlich Flugzeiten am Telefon durchgibt und nebensächlich meinen Pass nimmt, drauf schaut, zurück gibt und mich müde durch winkt. Zu diesem Zeitpunkt mache ich mir über den fehlenden Einreise-Stempel noch keine Gedanken.
Einmal angekommen, wird alles leichter. Ich werde mit gebührender PS-Zahl am Flughafen abgeholt und auch in den folgenden Tagen habe ich Urlaub mit allem. Mit Strand und der verwunderten Betrachtung von durchtrainierten Macho-Männern und entspannten Frauen, es ist kaum ein Unterschied zu anderen schönen Stränden der Welt festzustellen: Badeshorts und Bikinis statt Bade-Burka, und das, obwohl sich zum Kite-Beach keine Touristen verlaufen.
Nach Strand, BBQ Nr. 1 (bei Freunden) und Pool folgt BBQ Nr. 2: es geht ab in die Wüste, wo wir von Ferne ein paar Kamele sehen und ansonsten die weitläufige Ruhe von endlosen Dünen, Sternenhimmel und jeder Menge Sand genießen.
Wer was auf sich hält, schickt seine Freunde in die Wüste
Verglichen mit dem Irrsinn der Stadt ist es hier draußen angenehm ruhig und leer, der Blick schweift in drei Richtungen scheinbar endlos zum Horizont aus Sand, Sand und noch mehr Sand. Obwohl wir noch nicht tief in die Dünen gefahren sind (Enten und Schwäne sind dank künstlichem Wüstensee gar nicht so weit weg), kehrt Ruhe ein, kaum dass man den Motor abgestellt hat. Kein Wunder, dass Kinder so gern in Sandkästen spielen: die Umgebung entspannt einfach.
Auch die nächsten Tage werde ich komfortabel durch Dubai kutschiert und bewundere dabei die kraftvollen Monumente dieser Stadt.
Die Architektur kennt keine Grenzen und grundsätzlich gilt: je größer, je besser. Und auffällig. Und teuer. Und bis zur Expo im Jahr 2020 wird sich die Skyline der Stadt jedes Jahr verändern und wachsen. Die erste und fertigste (einzig wirklich fertige) künstliche Palme im Meer ist innerhalb weniger Jahre zugebaut, verkehrsmäßig erschlossen und voll geworden. Nur der äußere Rand hat noch ziemlich viel Baustelle zwischen den Luxushotels aufzuweisen, so dass der Blick wahlweise auf die riesigen Entsalzungsanlagen im offenen Meer fällt oder auf Bauzäune und Betonmischer. Nein, so ein 5 oder 7 Sterne-Hotel ist nichts für mich, nette Leute und eine entspannte Umgebung geben mir mehr.
Blick von der Palme auf Strand + Häuser von Dubai MarinaHotel Atlantis: Jeder möge selbst alle Superlative, Luxus und Sinnlosigkeit dazu nachlesen…
Abgesehen von den 1001-Nacht-Hotels bestehen Dubais Sehenswürdigkeiten hauptsächlich aus Shopping Malls. Zuerst ist die Mall of the Emirates dran, deren schräg nach oben herausragender Gebäude-Anbau von weitem auf die Skipiste im Inneren hinweist. Im Ernst: draußen 35°, drinnen tonnenweise Schnee. Und Skilifte, die sich im Zeitlupentempo bewegen. Und Bob-Bahnen und Schneeparadies für alle, die es nicht besser wissen.
Schwarze Piste? Lächerlich!
Geradezu veraltet und klein wirkt die Mall of the Emirates, wenn man tags darauf in die Dubai Mall fährt: Sie ist Titelverteidiger der Superlative als größte Shopping Mall der Welt und hat den (zumindest zeitweise) höchsten Turm der Welt, den Burj Khalifa, seitlich angeflanscht.
Weil das alles noch nicht reicht, hat die Dubai Mall noch eine Eislaufbahn und ein gigantisches Aquarium, in dem man mit Haifischen und Rochen tauchen kann, ohne dabei den Blick auf die Klamottenläden gegenüber aufzugeben. Fish & Shops sozusagen…
Es gibt noch viel zu sehen, von unten und von oben: mehr dazu folgt in Teil 2.